Vor allen anderen Flüssen liebe ich die Mosel

 

Die Heimat meiner Kindheit. So weit das Auge reicht: Weinberge, Weinberge, Weinberge, oft in halsbrecherischen Steillagen. Die sind typisch für die liebliche Landschaft an der Mosel. Die Menschen sind unkompliziert, freundlich und offen. Die Dörfer mit ihren  kopfsteingepflasterten Gassen, die Fachwerkhäuser mit schmiedeeisernen Balkonen und prächtigem Blumenschmuck, fast wie in einem Heimatfilm. Aber hier ist alles echt. Mosel. Das klingt für manche heute noch wie anno dunnemals. Ein Ort, an den sich vorzugsweise beschickerte Kegelclubs, Busladungen mit Touristen und Holländer mit ihren Wohnwägen verirren.

Das ist längst Geschichte. Wer die Mosel heute bereist, für den gehört eine Radtour meist zum Pflichtprogramm. Idyllische Straußwirtschaften mit Klassikern aus der Winzerküche und süffigem Wein findet man an jedem Etappenziel. Winzersteak, Sülze und frittierter Moselfisch stehen da auf der Karte. Die kleinen Rotaugen mit den vielen Gräten, die mein Vater früher mit Salzkartoffeln geködert hat, gehören zur Spezialität. Knackig ausgebacken kann man sie mit Haut und Gräten essen, sehr lecker auch als eingelegte Bratfische. Wer Land und Leute kennenlernen will, der setzt sich am besten zu ihnen an den Tisch, nirgends sonst lernt man Lebensart und Lebenslust der Menschen besser kennen. Oder man lässt sich an einem schattigen Platz am Moselufer nieder, zum Picknick mit deftigen Kleinigkeiten und einem spritzigen Riesling.

Überhaupt, so eine Radtour hat es in sich. Am ersten und am letzten Tag fühlt man sich auf dem Drahtesel am wohlsten. Am ersten, weil einem noch nichts weh tut, und am letzten, weil man kaum noch etwas spürt. Dazwischen hilft man sich mit vorsichtigen Sitzverlagerungen oder man legt eine Etappe per Schiff zurück, oder eine Wanderung auf dem Mosel-Höhenweg, durch Weinberge und schattige Wälder, auf Felsenwegen und schmalen Pfaden, vorbei an Kapellen, Burgen und Aussichtsplätzen mit fantastischen Ausblicken. Hinter jeder Biegung des Flusses wartet eine Überraschung. Seliges Tal. Kein Hügel ist ohne Weinstock!

Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn?


Im dunkeln Laub die Goldorangen glühn, ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,die Myrte still und hoch der Lorbeer steht? Kennst du es wohl? Ja, ja, wer kennt es nicht, das Land des Dolce Vita, das Land, wo die rote Sonne im Meer versinkt, das Land der vielen Heiligen, wie Katharina von Siena, der Schutzpatronin Europas, des Franziskus von Assisi, der persönlichen Leitfigur unseres neuen Papstes und des Antonius von Padua, unserem hoch geschätzten und viel strapazierten Schlamper-Patron.

Das Land der wild gestikulierenden Menschen, die Sätze für die Ewigkeit hervorbringen, wie „Flasche leer“ und „habe fertig“, das Land der politischen Dauerkrisen, das im Bunga-Bunga Chaos zu versinken droht; aber auch das Sehnsuchtsland vieler Deutscher, worauf nicht nur Goethe neugierig gemacht hat. Seine „Italienische Reise“ ist für mich einer der schönsten und vielleicht auch meistgelesenen Reiseberichte. Gleich dahinter kommt das Buch „...e parlare italiano“ von Reinhard Raffalt, der selbst Sprach-Analphabeten in seiner „Reise nach Neapel“ wenigstens so viele Italienischkenntnisse vermittelt, dass sie sich nicht wie Stumme zwischen Redenden bewegen müssen.

Italien, das ist Lebenslust pur: Sonne, Sprache, Musik, Kultur und himmlisches Essen. Und nicht zu vergessen der Wein, die Sehnsucht nach Wärme und dolce far niente. Es ist schon eigenartig: Kaum, dass man den Brenner überquert hat, fängt das Italien-Gefühl an. Fast vor der Haustür und doch eine andere Welt. Die Alpen noch im Rückspiegel, blühen schon die Zitronenbäume und Oleanderhecken. Schönwettergarantie, Lebenslust und Leichtigkeit, Menschen, die einem schon bei der dritten Begegnung freudig zuwinken, auch wenn man kaum ein Wort miteinander gesprochen hat. Es gibt viele Regionen in Italien, an denen mein Herz hängt: Südtirol mal schnell zwischendurch und zum Wandern, Venetien und Toskana zum Genießen von Kunst, Kultur und Küche, Umbrien und Latium auf Wallfahrtswegen in die Heilige Stadt. Und Rom, immer wieder Rom. Wie gut, dass ich mich nicht für eine entscheiden muss.

Reisen schafft Erinnerungen. Bilder und Geschichten die sich ineinander fügen und kaum, dass man an eine Gegend denkt, die man mit allen Sinnen erlebt, durchfahren, durchwandert hat, durch die man sich durchgegessen, durchprobiert, durchgebetet hat, drängen sich Lebensbilder auf, die tief im Innern abgespeichert sind, abgelegt für die Ewigkeit, wie in einer Computerdatei. Für Italien sind das liebliche Landschaften, sanft gewellte Hügel, Zypressen gesäumte Straßen, einsame Gehöfte mit abenteuerlichen Zufahrtswegen, duftende Rosmarinhecken, silbrig glänzende Olivenbäume mit knorrigen Ästen, jahrhundertealte Korkeichen und selbst gesammelte Pinienzapfen, die jedes Jahr im Advent wieder hervor gekramt werden.

Aber auch unvergessliche Begegnungen mit Menschen und einmalige Erlebnisse, wie die lustige Weinprobe bei den Augustiner Chorherren im Kloster Neustift beim Kirchenchorausflug, die frommen Pilger, Männer vor allem, in der Basilika zu Padua, die die Tomba des hl. Antonius berührt und geküsst haben, Verona mit Aida unterm Sternenhimmel, Rotwein und Kerzen auf der Gradinata. Meine Panikattacke bei der Besteigung des Campanile in Florenz und, unauslöschlich, meine Beichterfahrung in Rom, im Petersdom, als der bayerischbarocke Kapuzinerpater nach der Lossprechung aus dem Beichtstuhl heraus mich herzhaft umarmte mit den Worten: „Jetzt mog i di druckn!“ Der Pfarrer, der in der Bank auf mich gewartet hat, wusste gar nicht, wie er schauen sollte und auch ich war völlig verdattert. Aber danach bin ich wie auf Wolken durch den Petersdom geschwebt!!! Im Kirchenchor, Frauenbund und Altenclub, wurde aus dem „Jetzt mog i di druckn!“ ein geflügeltes Wort, bis heute, und viele Frauen forderten diese Einführung auch im heimischen Beichtstuhl!

Frauenpower & Ehrenamt


Wie in vielen weltlichen Vereinen, so ist auch in kirchlichen Verbänden die Zahl der aktiven Mitglieder eher rückläufig und es braucht viel Überzeugungsarbeit, junge Menschen für ein Amt im Verein oder Vorstand zu gewinnen. Am leichtesten lassen sich Ehrenamtliche für zeitlich begrenzte Projekte finden, mit einer konkret vom Arbeits- oder Zeitaufwand umschriebenen Aufgabe. Da ist es gut, dass der Frauenbund im Gemeindeleben einen festen Platz hat. Die Frauen haben viele Aufgaben in der Pfarrei übernommen, leisten wertvolle Hilfe und spenden für kirchliche, soziale und caritative Zwecke. Die Frauen engagieren sich in vielfältiger Weise überall dort, wo es gilt mitzuhelfen, füreinander da zu sein, voneinander zu lernen. Undenkbar: eine Veranstaltung in der Pfarrei ohne die Kuchenbäckerinnen vom Frauenbund. Ob beim Caritas-Sammeln oder Pfarrbrief-Austragen, beim Girlanden-Binden oder Rosenkranz-Beten, die Frauenbundfrauen sind immer zur Stelle. Der Spruch kommt nicht von ungefähr: „Der Pfarrer wär‘ ein armer Hund, hätt‘ er keinen Frauenbund!“ Was die Frauen eint, die Alten wie die Jungen, der harte Kern wie diejenigen, die neu dabei sind, ist die Dankbarkeit dafür, einen Kreis von Menschen gefunden zu haben, in dem das eigene Denken und Erleben eine Heimat gefunden hat.

Viele Veranstaltungen für Kopf, Herz und Verstand stehen im Laufe des Jahres auf dem Programm: Frauenfrühstück - Frauenmesse - Vereinsabende - Vorträge - Weiberfasching - Einkehrtag - Fastenessen - Palmbüschelbinden - Wallfahrten - Ausflüge - Besichtigungen - Kräuterbüschelbinden - Erntedankbasar - Elisabethfeier - Hobbykünstlermarkt - Adventfeier ... Im Frauenbund findet man Gleichgesinnte, die einem das Gefühl geben: Hier bist du willkommen, hier kannst du mitmachen, hier kannst du dich einbringen mit deinen Gaben und Talenten. Spüren, worauf es jeweils ankommt. Das ist Frauen zu eigen. Nicht reden, machen! Das eine Notwendige in der jeweiligen Situation zu tun, das ist es, was die Frauenbundarbeit in der Pfarrei so wertvoll macht: Frauenpower!

 

Und so buchstabiert man Frauenbund:

 

F    wie friedlich, feurig, forsch, fromm, furchtlos und felsenfest

R    wie robust, rastlos, rätselhaft, reiselustig und relativ reizbar

A    wie aktiv, arbeitsfreudig, ausgelassen und absolut abgehärtet

U    wie unbeirrbar, unaufhaltsam, unkompliziert und unentgeltlich

E    wie ermutigend, entgegenkommend, erfinderisch und erfolgreich

N    wie neugierig, nachdenklich, naschhaft und nervtötend

B    wie begabt, beliebt, besorgt, belastbar und beharrlich

U    wie unbefangen, unverblümt, unermüdlich und unbezahlbar

N    wie nachhaltig, nützlich, nimmermüde und niemals nachtragend

D    wie dialogbereit, dankbar, diszipliniert und diskussionsfreudig

Ein Segen sollst du sein

 

In jedem Leben gibt es viele segensreiche Momente, dazu braucht es keine großen Gesten. Wir können nicht die ganze Welt retten, aber wir können an dem Platz, an dem Gott uns hingestellt hat, wirken mit unseren Möglichkeiten, die wir haben. Segen sein, heißt die Not der andern spüren: Ein aufmunterndes Wort zur rechten Zeit. Ein Stoßgebet, wenn wir das Martinshorn hören; ein Fürbittgebet, wenn wir von Krankheit und Leid erfahren. Ein Gebet, wenn etwas gut ausgegangen ist: Danke Gott, dass du da warst.

Vielleicht ist es das Wichtigste, was wir unseren Kindern und Enkelkindern vermitteln können: die Sehnsucht nach Gott. Die Ahnung einer Heimat jenseits jeden Zuhauses. Der Heimat bei Gott. Und dass wir auf dem Weg zu ihm sind, dass er uns entgegenkommt und uns begleitet. Jeden Tag. Auf allen Wegen. Auch, wenn wir uns verlaufen haben. Und dass da immer einer ist, der uns zuhört, immerzu, an jedem Ort. Dem wir unseren Kummer hinhalten können: Herrgott hilf, mach du, ich weiß nicht mehr weiter, zeig mir einen Weg. Mit dem wir reden können, so, wie uns der Schnabel gewachsen ist. Ich glaube, es sind nicht die schönen und langen Gebete, die wohlformulierten und ausgeklügelten Worte, auf die der liebe Gott achtet, sondern diejenigen, die aus unserem tiefstem Innern kommen, die ihn aus einem echten Herzensanliegen erreichen. Das Gebet ist der Klebstoff, der alles im Leben zusammenhält. Von Dostojewski stammt der Satz: „Was glaubst du, wie dem zumute ist, der niemand hat, der für ihn betet?“ Ich möchte nicht in seiner Haut stecken. Das muss ein trostloses Leben sein, von allen guten Geistern verlassen, mutterseelenallein. Das fordert unser Fürbittgebet geradezu heraus: Beten für diejenigen, für die keiner mehr betet. Zum Segen für andere werden.

Am Grab meiner Mutter


Was geht mir nicht alles durch den Kopf in diesem Augenblick, als ich vor dem Grab meiner Mutter stehe. Ein kleiner Friedhof, mitten in den Weinbergen, unten schlängelt sich die Mosel wie ein silbernes Band, gegenüber die alte Klosterruine und weiter rechts die Marienburg, wo wir so oft am Sonntagnachmittag hin gewandert sind. Schöner kann man auf einem Friedhof nicht liegen. Die Friedhofsmauer aus Bruchstein, überwuchert mit rosa duftenden Nelken, die ich als Kind manchmal stibitzt habe, um meine Nase ganz tief hinein zu stecken.

Dass ihr Grab gerade an dieser Mauer liegt, einer Weinbergsmauer, wie mein Vater sie zur Terrassierung der Weinberge Stein auf Stein geschichtet hat. Alte Treppenstufen und aufgelassene Grabsteine waren dort genau so mitverbaut wie Basaltbrocken und Schieferplatten. Auf diesen Mauern habe ich Tage verträumt und Eidechsen beobachtet. Es gehört seit vielen Jahren zu meinen innigsten Wünschen, einmal eine solche Trockenmauer selber anzulegen. Fast wäre es Wirklichkeit geworden, vor fünf Jahren, als der Pfarrer in Ruhestand ging. Ein schönes altes Haus mit eingewachsenem Garten wartete seit Jahren darauf, dass wir dort einziehen und der Platz für die Bruchsteinmauer war schon ausgeguckt. Und dann kam alles ganz anders.

Was geht mir nicht alles durch den Kopf in diesem Augenblick, als ich vor dem Grab meiner Mutter stehe. Ich war ungefähr acht Jahre alt, als ich ihr einen großen Strauß weißen Flieder zum Muttertag brachte. Der Mesner hatte ihn mir geschnitten, im Kirchgarten standen zwei alte Fliederbäume. Als ich an diesem Sonntagmorgen mit den Blumen vor ihr stand, hatte sie Tränen in den Augen. Auf einen kleinen Zettel hatte ich ein Gedicht geschrieben:

„Am Muttertag will ich an dich denken und dir jedes Jahr einen Flieder schenken.“ Und diesen Zettel hat Mama all die Jahre aufbewahrt. Ich fand ihn Jahrzehnte später in ihrem Brillenetui, das ich ihr ins Krankenhaus bringen musste. Warum hatte sie ihn so lange aufbewahrt? Als Erinnerung an den duftenden Flieder? Oder als Versprechen, das nie eingelöst wurde? Zu spät. Immer zu spät! Was bleibt sind Fragen, die man nicht mehr stellen kann. Worte, die man nicht mehr sagen kann. Gefühle, die man nicht mehr zeigen kann. Flieder, den man nicht mehr schenken kann. Nie mehr!

Meine Mutter ging in den letzten Jahren täglich auf diesen Friedhof, sie ging auch auf jede Beerdigung. Ich konnte das damals nicht verstehen. Sie wusste wahrscheinlich schon von der Krankheit. Wir haben nie darüber gesprochen. Sie nicht. Ich nicht. Und als ich doch einmal versuchte, mit ihr darüber zu sprechen, wiegelte sie ab: „Reden wir von etwas anderem, erzähl mir von dir, wir haben so wenig Zeit zum Reden.“ Ja, so war sie, bloß kein Aufhebens um die eigene Person. Alles gut! Passt schon! Ich bin nicht so wichtig!

Was geht mir nicht alles durch den Kopf in diesem Augenblick, als ich vor dem Grab meiner Mutter stehe. Wann war ich eigentlich zuletzt hier? Vor einem Jahr? Vor zwei Jahren? Immer gab es Wichtigeres. Wichtigeres? Mama kam eigentlich immer zu kurz. Im Leben wie im Tod. Man fährt nicht mal eben 500 km hin und 500 km zurück, um auf den Friedhof zu gehen. Auch wenn die Eltern dort begraben sind. Auch wenn der Friedhof in der Heimat liegt. Denn das Gefühl von Heimat geht mit verloren mit der Zeit. Wenn sie anderen und ihren Familien zuteil geworden ist. Wenn das Haus aus Kindertagen von anderen Müttern und Vätern, von anderen Kindern bewohnt wird; wenn es Fremden zur Heimat geworden ist.